Dr. Silke M. Kledzik
Koblenz
Philosophy and a Dialogue between Cultures:
13. Internationale Philosophie-Olympiade in Warschau/Polen
19. - 23. Mai 2005
Für die AIPPh nach Warschau fahren? - Als ich gefragt wurde, ob ich bereit sei, die AIPPh, gemeinsam mit Frau Luise Dreyer, bei der Internationalen Philosophie-Olym-piade vom 19. - 23. Mai 2005 in der polnischen Hauptstadt zu vertreten, konnte die Antwort nur „ja“ lauten. Zum ersten Mal war ich froh über das verkürzte 13. Schuljahr in Rheinland-Pfalz, denn die Abiturprüfungen hatte ich hinter mir, und andere hinderliche Termine ließen sich relativ leicht verlegen. Laut Vorhersage sollte auch das Wetter mitspielen - es wurde dann in Warschau tatsächlich von Tag zu Tag sonniger und wärmer, was die ohnehin gute Stimmung unter den Teilnehmern an diesem internationalen Treffen noch zusätzlich beförderte.
Meine Neugier betraf nicht nur die Veranstaltung, sondern auch die Stadt, in die wir eingeladen worden waren. Die Gastfreundschaft des polnischen Organisationskomitees - an der Spitze Prof. Józef Niznik Ph.D. von der Akademie der Wissenschaften und Mr. Michal Rozynek, dem Sekretär im Komitee - schuf von den ersten Minuten nach der Ankunft bis zur Abreise eine Atmosphäre der Aufgeschlossenheit, der sich keiner der Teilnehmer entziehen konnte. Die zahlreichen Gespräche zwischen den Veranstaltungen und während der gemeinsamen Mahlzeiten waren selbst ein „Dialog zwischen den Kulturen“. Ein abwechslungsreiches Programm, das neben der Arbeit - schließlich mussten die Schülerinnen und Schüler ihre Essays schreiben, sich in verschiedenen Workshops mit Aspekten des „Dialogs zwischen den Kulturen“ auseinandersetzen und abschließend ihre Ergebnisse präsentieren, und die begleitenden Lehrkräfte hatten die Essays in mehreren Durchgängen zu bewerten - auch einen Eindruck von der Lebendigkeit der Stadt Warschau und der polnischen Geschichte vermittelte, rundete diese internationale Begegnung ab.
Vom 19. - 23 Mai 2005 also fand in der polnischen Hauptstadt Warschau die 13. Internationale Philosophie-Olympiade statt, ein Essay-Wettbewerb, an dem Schülerinnen und Schüler aus 16 Nationen teilnahmen: Argentinien, Bulgarien, Deutschland, Estland, Finnland, Israel, Italien, Japan, Südkorea, Litauen, Österreich, Norwegen, Polen, Rumänien, Türkei und Ungarn. Die Teilnehmer/innen waren Sieger/innen eines nationalen Essay-Wettbewerbs und wurden in der Regel von zwei Lehrern bzw. Dozenten begleitet. Jedes Land konnte zwei Teilnehmer/innen entsenden, das ausrichtende Land, in diesem Fall Polen, bis zu zehn Schülerinnen und Schüler. Dazu hatten sich noch weitere Gäste eingefunden; außer den Vertreterinnen der AIPPh u.a. die Vertreterin der Sektion Philosophy and Human Sciences der UNESCO, Moufida Goucha, und ein Vertreter der FISP, Prof. William McBride, Ph.D. (West Lafayette, USA).
Im Unterschied zu den anderen teilnehmenden Staaten muss man allerdings für Deutschland die Einschränkung machen, dass es aufgrund unseres föderalistischen Systems und der Kulturhoheit der Bundesländer keinen nationalen Wettbewerb gegeben hatte; beide Teilnehmer an der Philosophie-Olympiade kamen aus Nordrhein-Westfalen, das seit einiger Zeit jedes Jahr einen Landeswettbewerb durchführt.
Welch großes Gewicht in Polen diesem internationalen Wettbewerb beigemessen wird, zeigte sich schon am ersten Abend daran, dass die sehr humorvoll gehaltene Einführung von Prof. Jacek Holówka im polnischen Bildungsministerium stattfand. Auch die Organisatorin der Polnischen nationalen Philosophie-Olympiade Prof. Barbara Markiewicz, war anwesend. Prof. Holówka umriß das Thema der 13. Internationalen Philosophie-Olympiade und hob vier Aspekte hervor, die zugleich die thematischen Schwerpunkte der Workshops bilden sollten: 1. Tradition and Universalism; 2. Dialogue and Domination; 3. Liberalisme and Cultural Rights; 4. Assimilation and Isolation.
Am nächsten Vormittag begann, während ihre Begleiter das Angebot zu einer informativen Stadtführung nutzten, für die Schülerinnen und Schüler der Wettbewerb. Am Nachmittag, als dann die Jury ihre Arbeit begann, durften die Jugendlichen sich bei einer Stadtführung erholen.
In einer Schule waren an diesem Freitagvormittag Computerarbeitsplätze bereitgestellt worden. In einer vierstündigen Klausur - es standen vier Themen zur Wahl - mußten die Teilnehmer/innen einen Essay in Englisch, Deutsch oder Französisch schreiben; die gewählte Sprache durfte jedoch nicht die Muttersprache sein. Die Themen des diesjährigen Wettbewerbs (in den drei genannten Sprachen gestellt) lauteten:
I. „Wenn ich vor der Wahl stünde, entweder mein Land oder meine Freunde zu verraten, hoffe ich, dass ich den Mut hätte, mein Land zu verraten.“ (E.M. Forster, „What I believe“ in: Two Cheers for Democracy, Penguin Book, 1965, p.76)
II. „Heute sind die Wahrheiten zerstreut über viele Diskursuniversen, die nicht mehr in eine Hierarchie zu bringen sind, aber in jedem dieser Diskurse suchen wir hartnäckig nach Einsichten, die alle überzeugen könnten.“ (Jürgen Habermas, in: Sinn und Form, Nov./Dez. 1989, abgedruckt in: taz vom 17.01.1990)
III. „Ob Hedonismus, ob Pessimismus, ob Utilitarismus, ob Eudämonismus: alle diese Denkweisen, welche nach Lust und Leid, das heißt nach Begleitzuständen und Nebensachen den Wert der Dinge messen, sind Vordergrunds-Denkweisen und Naivitäten, auf welche ein jeder, der sich gestaltender Kräfte und eines Künstler-Gewissens bewußt ist, nicht ohne Spott, auch nicht ohne Mitleid herabblicken wird.“ (Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, French translation: Paris, Editions Montaigne, 1963, Septième Partie, Nos vertues, 225, p.162)
IV. „Die Sprache ist ein Labyrinth von Wegen. Du kommst von einer Seite und kennst dich aus; du kommst von einer andern zur selben Stelle, und kennst dich nicht mehr aus.“ (Ludwig Wittgenstein, Philosophical Investigations [203], Translated Boy G.E.M. Anscombe, Basil Blackwell, Oxford 1958, Bilingual edition, p. 82e)
Thema I. wurde 11 x gewählt, Thema II. 10 x, die Themen III. und IV. jeweils 9 x; geschrieben wurde mit einer Ausnahme auf Englisch.
In einem ersten Durchgang wurde jeder Essay von drei verschiedenen Gutachtern gelesen; danach folgten zwei weitere Gutachterdurchgänge. Die Qualität der Essays war so hoch, dass sich das Gutachtergremium entschloss, 3 Gold-, 3 Silber- und 5 Bronzemedaillen zu vergeben: Gold gewannen: Tomasz Przezdziecki und Mikolaj Ratajczak (beide Polen) und Alexandru Marcoci (Rumänien); Silber: Anttii Saarilahti (Finnland), Marta Sznajder (Polen) und Nora Labo (Rumänien); Bronze: Patricio Kingston (Argentinien), Jutta Obertegger (Italien), Jae Won Choi und Wooo Chan Lee (beide Korea), David Himler (Österreich). Drei Teilnehmer erhielten für ihre guten Leistungen eine Urkunde mit „honorable mention“.
Der folgende Samstag war für die Jugendlichen ein Tag intensiver Arbeit in den vier genannten Workshops. Jede Gruppe stellte abschießend die Ergebnisse ihrer Diskussionen vor. Hier eine kurze Zusammenfassung:
1. Tradition and Universalism:
Das Kennenlernen anderer Kulturen führt zum besseren Verständnis der eigenen Kultur. Man soll nicht nur zulassen und akzeptieren, dass es andere Kulturen gibt, sondern im (rationalen) Dialog diese auch zu verstehen suchen. Dabei ist es wichtig, die eigenen Voraussetzungen zu erkennen und die anderen nicht unterdrücken zu wollen. Das Erkennen und die Anerkennung der Gleich-Wertigkeit der Kulturen wurde besonders hervorgehoben. Bei diesen Prozessen, so wurde wiederholt betont, spielt das Zuhören, das Miteinander-Reden, der Dialog, eine zentrale Rolle.
2. Dialogue and Domination:
Zwei Fragen standen im Mittelpunkt der Diskussionen: „Ist ein Dialog zwischen den Kulturen möglich?“ und „Was ist Multikulturalismus?“ Die Gruppe war sich einig, dass man nicht von einem fertigen Katalog, z.B. den Menschenrechten, ausgehen könne, sondern einen gemeinsamen Katalog in einem Dialog erst erarbeiten müsse. Dies könne nur in einem konstruktiven Verfahren gelingen. Grundvoraussetzung für einen gelingenden Dialog sei Vertrauen. Es gelte, die Vielfalt in der Einheit der Kulturen zu sehen und zu bewahren und niemandem eine bestimmte Sicht aufzuzwingen.
3. Liberalism and Cultural Rights:
Die grundsätzliche Diskussion über Liberalismus und kulturelle Rechte von Gemeinschaften wurde anhand zahlreicher Beispiele geführt. Einen Schwerpunkt bildete das Problem des Verhältnisses von Religion und Staat; als Beispiel wurde das Verbot des islamischen Kopftuchs in Frankreich angeführt. Die Vielschichtigkeit der Problematik zeigte sich bei der Diskussion um Minderheiten und den ihnen zugestandenen Rechten sowie der Problematik des spannungsverhältnisses von Traditionen und Gesetzen. Die Themen Toleranz und Political correctness wurden ebenso angesprochen wie Fragen der Einwanderung oder der Homosexuellenehe.
4. Assimilation and Isolation:
Die Gruppe hatte versucht, die beiden Begriffe zu definieren und ihre Definitionen mit Beispielen zu veranschaulichen. Im Zusammenhang mit dem Begriff „Isolation“ tauchte die Frage nach dem Gefühl des Verlustes der eigenen Kultur auf. Der Begriff der Assimilation wurde als zu „aktiv“, der der Isolation als zu „passiv“ empfunden. Eine Lösung sah die Gruppe im Begriff des Dialogs: Dialog bedeutet Respekt, Offenheit, Entdecken der Differenz. Wie könnte das in der Praxis aussehen? Wie sollte es in der Praxis aussehen? Als eine Möglichkeit wurde ein gegenseitiger Austausch genannt, der sogar in Form von Tourismus denkbar sei. Denn Dialog kann nicht von oben, von Regierungen verordnet werden; er ist eine Sache der Bürger, der Individuen, die auf einander zugehen, mit einander reden müssen.
Die in allen Aspekten gelungene Veranstaltung, organisiert von der Polnischen Gesellschaft für Philosophie, unterstützt von zahlreichen Institutionen, u.a. dem Polnischen Bildungsministerium und der Polish National Commission for UNESCO, fand ihren Abschluss in einer feierlichen Preisverleihung, zu der außer den schon genannten Gästen Mitglieder verschiedener Botschaften, der Universität Warschau, der Polnischen Akademie der Wissenschaften und des Club of Rome erschienen waren. Es herrschte eine fröhliche, „olympische“ Atmosphäre. Polnische Künstler hatten zudem Bilder (Öl, Aquarell u.a.) zur Verfügung gestellt, und alle Preisträger durften sich ein Werk aussuchen. In ihren Grußworten und Dankadressen hoben die Redner die Bedeutung dieser internationalen Veranstaltung hervor: Der Beitrag, den philosophisches Denken zu Toleranz und Frieden leisten könne, sei kaum zu überschätzen. Angesichts der überregionalen Probleme in der Welt sei vor allem auch die Jugend aufgerufen zu gemeinsamem Denken, zum philosophischen Dialog.
Die 14. Philosophie-Olympiade wird 2006 in Italien stattfinden.