Tschechien / Tchèque /
Prag
I. Sowohl die Philosophie als auch die Ethik sind in der Tschechischen Republik keine selbständigen Fächer innerhalb des gesamten Fächerkanons. Ihre Fragen und Themen behandelt man einigermaßen im Rahmen des Faches „Staatsbürgerkunde“ in der Grundschule und am Gymnasium (Sekundarstufe I), oder im Rahmen des Faches „Grundlagen der Gesellschaftswissenschaften“ am Gymnasium (Sekundarstufe II) und an allen anderen Mittelschulen.
Ethische Fragen bilden trotzdem einen wesentlichen Teil des erwähnten Unterrichtsmodells. Viele tschechische Lehrer widmen besonders der ethischen Problematik viel Aufmerksamkeit. Für viele von ihnen ist Ethik der Mittelpunkt ihrer fachlichen und erzieherischen Interessen.
Die Zahl der Stunden ist in unseren Richtlinien und Lehrplänen nicht streng vorgeschrieben. Die einzelnen pädagogischen Subjekte haben in dieser Sache viel Freiheit. Im Moment arbeitet man an einer großzügigen Schulreform. Sie sollte den Schulen und Lehrern in den nächsten Jahren noch mehr Freiheit bei der Erstellung der Lehrpläne bringen. Die „Grundlagen der Gesellschaftswissenschaften“ sind eines von zwei Wahl-Abiturfächern am Gymnasium. (Man kann dieses Fach auch an den anderen Mittelschulen wählen.) Dieses Fach wird nur mündlich geprüft.
Bis 1989 hat man an den Schulen nur das Schulfach „Staatsbürgerkunde“ unterrichtet. Nach der Wende wurde an den Mittelschulen (einschließlich der gymnasialen Sekundarstufe II) das neue Schulfach „Grundlagen der Gesellschaftswissenschaften“ eingeführt. (Siehe oben.)
Die einzelnen Lehrer können selbst entscheiden. Nichts ist verbindlich vorgeschrieben.
Philosophie und Ethik werden nicht alternativ angeboten. Das Fach „Grundlagen der Gesellschaftswissenschaften“ muss an der Mittelschule jeder Schüler absolvieren. (meistens 2 Stunden pro Woche)
Es gibt keine freien Arbeitsgemeinschaften.
Ich weiß von keiner Schule, die an einer Philosophie- Olympiade teilgenommen hat.
II.
Es gibt keine verbindlichen Methoden.
Man betont die Hauptlinien der okzidentalen Tradition des philosophischen und ethischen Denkens (Antike, Mittelalter, Neuzeit, Gegenwart). Man kann ausschließlich Geschichte der Philosophie und der Ethik unterrichten; man kann sich auch ganz auf einen problemorientierenden Unterricht konzentrieren.
Es gibt keine verbindlichen Unterrichtsmethoden. Der Lehrer hat in diesem Bereich immer mehr Freiheit. Leider können sich insbesondere ältere Lehrer (Es gibt aber leider auch viele solche jungen Lehrer.) kaum etwas Anderes als einen philosophischen Vortrag vorstellen. Viele kennen nur den Frontalunterricht.
Im Rahmen der Arbeit an der neuen Schulreform arbeitet man an den Schulen zur Zeit gerade auch intensiv an übergreifenden Schulfächern und Themenkreisen, die zum Beispiel Geschichte, Philosophie und Kunst einschließen. (z.B. „Mensch und Gesellschaft“) Diese übergreifenden Schulfächer und Themenkreise sollen auch die Zusammenarbeit von Philosophielehrern, Geschichtslehrern, Sprachlehrern, Kunstlehrern usw. ermöglichen.
In der Regel ist Europa als „Wertegemeinschaft“ kein Unterrichtsgegenstand. Für die meisten tschechischen Lehrer ist es eine Frage künftiger Diskussionen. Das Thema selbst weckt gemischte Gefühle. Im Durchschnitt weiß man nicht genau, was in dieser Hinsicht den Schülern eigentlich beigebracht werden sollte.
III.
Die Lehrerausbildung ist ziemlich kompliziert und nicht leicht durchschaubar. Es gibt mehrere Varianten der Ausbildung. Man muss aber unbedingt an der philosophischen, pädagogischen oder auch theologischen Fakultät einer Universität fünf Jahre studieren. Die Studenten, die wirklich unterrichten wollen, müssen neben der konkreten fachlichen die entsprechende pädagogische Qualifikation haben.
Bedingung der Qualifikation zum Philosophie- und Ethiklehrer ist ein Universitätsdiplom Wir haben kein Referendariat. Die zukünftigen Lehrer müssen im Verlaufe ihres Studiums zweimal 10 - 20 Unterrichtsstunden an einer Schule (Es handelt sich meistens um eine Grund- und eine Mittelschule.) absolvieren. Ihre pädagogische Vorbereitung halte ich für minimal und ungenügend. Das System des Praktikums ist schlecht. An diesem System leiden nicht nur die Studenten selbst, sondern auch ihre Tutoren - die Pädagogen an den ausgewählten Schulen. Sie haben im normalen Schulbetrieb für die Anleitung des pädagogischen Nachwuchses kaum entsprechende Bedingungen und bekommen dafür auch nur einen lächerlichen finanziellen Zuschlag.
Es gibt einen großen Mangel an gerade Fortbildungskursen. Es fehlen bei uns Leute, die sich fachlich mit der Didaktik der Philosophie und Ethik beschäftigen. Es fehlt an Geld und sehr oft auch an der Bereitschaft der Schuldirektoren, ihren Lehrern die entsprechende Weiterbildung zu ermöglichen. Vor allem die Lehrer, die auf dem flachen Lande arbeiten, sind meistens in einer schwierigen Situation. Wenn sie sich weiterbilden wollen, müssen sie hohe Opferbereitschaft aufbringen (Geld, Probleme mit der Schulleitung, mit den Kollegen usw.). Die Weiterbildung betrachtet man bei uns immer noch überwiegend als Privatsache des Lehrers. Die Weiterbildung hat auch kaum Einfluss auf die Erhöhung des Gehaltes derjenigen Lehrer, die sich weiter qualifizieren.
IV.
Es gibt bei uns keine Philosophielehrerverbände (mit Ausnahme unserer kleinen Gruppe von AIPPh-Mitgliedern). Der „Philosophy Day“ wird an den tschechischen Schulen kaum zur Kenntnis genommen. Artikel mit Themen aus der Philosophiedidaktik werden kaum publiziert. (Am meisten in der „Philosophischen Zeitschrift“ und in der Zeitschrift „Pädagogik“.)
Im Jahre 2004 wurde ein neues experimentelles Lehrbuch „Grundlagen der Gesellschaftswissenschaften“ publiziert (Editorin: Prof. Jaroslava Pešková), das viele didaktische und methodische Anregungen und Hinweise beinhaltet. Das Buch soll nicht nur den Schülern und Studenten, sondern auch der breiteren pädagogischen Öffentlichkeit dienen. Der Philosophie und der Ethik wurde in diesem Lehrbuch breiter Raum eingeräumt. Es ist gerade die Philosophie, die auch eine allgemeine methodologische Basis für den Unterricht der anderen Disziplinen anbieten sollte. Sie ist im Lehrbuch als ein Verbindungsglied im Gebäude der Erkenntnis und Werteerziehung unter den Bedingungen der heutigen Schulen dargestellt.
Bibliographische Angaben zu o.g. Lehrbuch:
J. Pešková und Koll.: Grundlagen der Gesellschaftswissenschaften (Základy spole?enských v?d) - für die Lehrer der Lehrer, die Studenten der pädagogischen Fakultäten, für die Lehrer an den Mittelschulen und ihre Schüler, hrsg. von EUROLEX - BOHEMIA, Prag 2004 (erste Auflage), 851 Seiten.
Die Kapitel „Der Mensch und seine Welt“ (Seite 27 - 137) und „Ethik - Philosophische Grundlagen der Ethik“ (723 - 795) wurden von Jaroslava Schlegelová geschrieben; die Kapitel „Die Beziehung zur Welt als dem Ganzen - Philosophie“ (Seite 651 - 721) Jaroslava Pešková.