Ungarn / Hungary / la Hongrie
Technische Universität Budapest
Lehrstuhl für Philosophie Forschungsgruppe für Philosophieunterricht
In: Bulletin 31 (octobre 1994)
Der Philosophieunterricht wird in den ungarischen Mittelschulen vom September 1993 an wieder regelmäßig durchgeführt. Mein Bericht kann daher natürlich die hier gewünschte Periode, die im Mai vergangenen Jahres begann, nicht betreffen. Denn nur zu Beginn des gegenwärtigen Schuljahres war erst Philosophieunterricht wieder möglich. Die Bedingungen, an die das Kultusministerium Ungarns die Wiedergenehmigung des Philosophieunterrichts in den Mittelschulen geknüpft hatte, wurden erfüllt.
l. Jene Kollegen, die auch vor zwei Jahren bei dem Symposion anwesend waren, mögen sich daran erinnern, daß wir darüber sprachen, daß das Kultusministerium vor Beginn des neuen Schuljahres 1992 den Philosophieunterricht in den Mittelschulen unerwartet aufgehoben hatte, da die früher herausgegebenen Schulbücher zum Unterricht nicht mehr für geeignet gehalten wurden. Die neuen standen damals noch nicht zur Verfügung.
Im September vorigen Jahres wurde dieses Hindernis - teils bei unveränderter Wiederherausgabe, teils durch Herausgabe einer teilweise neuen Textsammlung - beseitigt, und der Unterricht dieser Disziplin konnte von neuem beginnen.
Im Hinblick auf die Lehrbücher ist die Lage heute unvergleichlich besser als vor einem Jahr. Während der vergangenen Monate wurden mehrere Lehrbücher bzw. Textbücher herausgegeben. Zwei von diesen sind auch Ihnen bekannt.
1.) M. Fürst: Einführung in die Philosophie.
2.) A. Anzenbacher: Einleitung in die Philosophie.
Das Buch ist von hohem Niveau, gedankenreich, aber viel zu schwer für die Schüler, zu umfangreich und sehr teuer, was heutzutage in Ungarn nicht problemlos ist.
Seit September 1993 stehen die folgenden Bücher zur Verfügung:
1.) Turay-Nyiri-Bolberitz:: Philosophie. / für die Hörer der Priester- Seminare./ erste Ausgabe: l981?, zweite Ausgabe: 1993.
2.) Kornel Steiger: Einführung in die Philosophie. Textauswahl. Seit Oktober-November l993 und Anfang 1994 erschienen noch einige Bücher, z.B.:
3.) Zoltan Endreffy: Einleitung in die Philosophie. Lehrbuch
4.) Zoltan Turgenyi: Einleitung in die Philosophie. Lehrbuch.
5.) Philosophisches Textbuch für Mittelschulen. 1. II.
Außer den erwähnten Lehrbüchern sind einige Variationen in Vorbereitung Wegen Zeitmangels kann ich über dasjenige Lehrbuch nicht sprechen, welches auf Initiative einiger Schulen herausgegeben wurde. Alle die erwähnten Lehrbücher sind alternativ, d.h., es hängt vom Lehrer ab, welche Version er für die brauchbarste hält.
II. Das einjährige Moratorium hat zum Glück die Lage des Philosophieunterrichts in den Mittelschulen nicht allzu schädlich berührt, es hatte eher positive Folgen.
Heute erfreuen sich die Lehrer einer weitgehenden Freiheit im Unterricht; ihre Verantwortung ist natürlich auch größer. Die Umstände in Betracht ziehend, können sie selber bestimmen, welche Spezialgebiete, Probleme, Fragen sie innerhalb der Disziplin Philosophie betonen wollen.
Unter Berücksichtigung des inzwischen erstellten Nationalgrundplans /NAT/ für Unterricht können sie ihre eigenen Entscheidungen treffen. Der die Philosophie betreffende Teil dieses Plans lautet folgendermaßen:
"Die Philosophie ist der spezielle Weg, das Sein als ein grundsätzliches Element der Kultur zu verstehen. Die philosophischen Kenntnisse und wissenschaftlichen Resultate bedeuten nur ein Mittel für die Entwicklung einer philosophischen Einstellung, der Offenheit, der Fähigkeit zu analysieren, der Klarheit etc. Das wichtigste Ziel ist, den Schülern das philosophische Denken beizubringen. Vom Philosophieunterricht wird erwartet, daß die Schüler die Fähigkeit zu abstrahieren erlangen. Erkenntnis und Logik befähigen sie, Diskussionen zu führen und zu argumentieren. Die Schüler sollen die Fähigkeit besitzen, die Gedankenwelt berühmter Philosophen zu verstehen, auch den soziologischen und geschichtlichen Hintergrund der Ausdrucksformen zu begreifen. Einseitigkeit muß vermieden werden; die Widersprüche und unhaltbaren Behauptungen des extremen Relativismus und Dogmatismus müssen aufgedeckt werden.
Man muß den Schülern verständlich machen, daß die Philosophie zur Bildung des Menschen auf moralisch-seelischer Ebene notwendig ist. Moralische Werte werden durch Beschäftigung mit Philosophie erworben.
Der Unterricht der Philosophie ist in den höheren Stufen der Mittelschulen empfehlenswert. Zwei Themenbereiche sind vorzuziehen:
1.) Die Probleme des Lebens;
2.) Die Geschichte der Philosophie im Überblick. Als Anhaltspunkt bieten sich folgende Einzelthemen an: Mensch und Natur, Gesellschaft; Geschichte, Individuum, Leben, Tod, Seele. Kulturphilosophie, Moral- und Religionsphilosophie.
Wenn diese Fragen besprochen werden, erreichen die Schüler das Denken, die Lehren, die Systeme einiger klassischer Philosophen, weiter gelangen sie zu den Besonderheiten einiger klassischer Prinzipien und Themenkreise."
So weit der Auszug der Zielsetzung des Philosophieunterrichts des Nationalgrundplans in den Mittelschulen.
Ein umfassendes Bild von da gegenwärtigen Lage kann ich natürlich in diesem kurzen Bericht nicht geben; ich kann nur verständlich machen, was in einigen Gymnasien von den Lehrern betont wird.
Zwei objektive Umstände sollen in Betracht gezogen werden:
1.) Dem Lehrer stehen zwei Lehrstunden wöchentlich zur Verfügung.
2.) In Ungarn gibt es nur in der IV. Schulstufe (= vierten - Abitur- Klasse) der Gymnasien Philosophieunterricht. Die Schüler erhalten keine Noten, und da die Schüler sich zum Abitur vorbereiten, können auch diejenigen Schüler, die sich für Philosophie besonders interessieren, dafür nicht genug Zeit aufbringen.
In den Mittelschulen, die ich seit September 1993 besucht habe, halten die Lehrer a) Geschichte der Philosophie, b) Erkenntnistheorie, c) Ethik, d) Philosophie der Kunst für wichtig.
Ferner erwähne ich die Probleme, die noch zu lösen sind:
1.) Die Weiterbildung der Philosophielehrer sollte regelmäßig durchgeführt werden. Es gab im vorigen Sommer einen solchen Versuch. Aber diese Veranstaltungen sollten systematischer, in größerem Umfange durchgeführt werden, und die didaktischen Probleme besser durchdacht werden. Es sollten gut bekannte Philosophen zu Vorlesungen eingeladen werden.
2.) Die Philosophie sollte auch in den dritten Klassen der Gymnasien unterrichtet werden. Dadurch würde sich in den zwei Unterrichtsjahren bei wöchentlich je zwei Unterrichtsstunden die Möglichkeit ergeben, die einzelnen für wichtig gehaltenen Themen und Probleme zu besprechen. Es würde meine Kollegen interessieren, welche Erfahrungen die Kollegen in den westlichen europäischen Ländern haben.
3.) Der Wichtigkeit der Lehrbücher sollte ein billiger Preis entsprechen, was nicht problemlos erscheint.
4.) Die ungarischen Philosophielehrer hoffen, daß sie den Erwartungen der Kultusministerium Genüge tun können, so daß sie auch weiterhin das Vertrauen genießen.
Was das vorliegende Thema unserer Tagung betrifft "Individuum- Staat- Gesellschaft", kann ich nicht viel Konkretes sagen. Bei uns gibt es wenig Zeit, diese Themen zu erörtern. Wahrscheinlich tragen die allergischen Punkte der Periode des Systemwechsels dazu bei, daß die obenerwähnten Themen im Philosophieunterricht kaum berührt werden. Doch sollte der Einfluß des Staates auf das Individuum und auf die Gesellschaft, "mit der Lupe" untersucht werden. Vielleicht wird sich nach einigen politischen Wahlen eine Periode allgemeiner Beruhigung einstellen..
Weiterbildung
Im vorigen Sommer wurde von der Vereinigung Ungarischer Philosophielehrer eine Weiterbildung mit dem Thema "Philosophische Richtungen im 20. Jahrhundert" veranstaltet. In der Tagesordnung standen folgende Punkte:
1.) Hermeneutische Prinzipien - Postmoderne;
2.) Politik und Philosophie / Konservatismus, Liberalismus, Sozialismus
3.) Analytische Philosophie und Sprachphilosophie
4.) Moderne Religionsphilosophie;
5.) Wissenschafts- und Technikphilosophie
Die Vorlesungen wurden von hervorragenden Philosophieprofessoren gehalten.
Es nahmen ca. 100 Lehrer teil.
Die Philosophielehrer baten um Fortsetzung der Vorlesungen, was auch den Erfolg dieses fünftägigen Kurses beweist.
Sonstige Bemerkungen
1.) Vor anderthalb Jahren wurde die Vereinigung der Ungarischen Philosophielehrer gegründet. Sie hat ca. 100 Mitglieder und verfolgt das Ziel, Partner des Kultusministeriums zu sein.
2 ) Im Jahre 1993 wurde der Vorstand der Ungarischen Philosophischen Gesellschaft neu gewählt, eine Teilgruppe dieses Vorstands hat die Aufgabe, die Philosophielehrer zu vereinigen und zu organisieren.
3.) Einige enthusiastische Philosophielehrer haben sich auf australische und österreichische Initiative dem Programm "Philosophie für Kinder" angeschlossen. Das Interesse ist ziemlich groß, aber über Erfolge zu sprechen ist zu früh.
Im Januar 1994 hat die Forschungsgruppe für Philosophieunterricht am Lehrstuhl für Philosophie - Technische Universität Budapest - einen Fragebogen für die Philosophielehrer der Mittelschulen zusammengestellt .
Die Fragen waren folgende:
1.) Welche positive Änderungen sind Ihrer Meinung nach seit dem Mai 1993 im Philosophieunterricht der Gymnasien aufgetreten?
2.) Welchen Effekt hatte die Aufhebung des Philosophieunterrichts in den Mittelschulen?
3.) Wie beurteilen Sie die gegenwärtigen Möglichkeiten? Kommt die Autonomie, die alternative Auswahlmöglichkeit zur Geltung?
4.) Können Sie Ihre eigenen Vorstellungen im Unterricht zur Geltung bringen?
5.) Halten Sie die Ihnen zur Verfügung stehende Stundenzahl für ausreichend?
6.) In wievielen Klassen unterrichten Sie, wie hoch ist Ihre gesamte Stundenzahl?
7.) Gelingt es unter den gegebenen Umständen, Philosophie in den Gymnasien beliebt zu machen?
8.) Für welche Probleme bleibt zur Erörterung genug Zeit? Wieviele Unterrichtsstunden würden Sie zum Unterricht nach Ihrem Belieben brauchen? Mit welchen Themen würden Sie die gegenwärtige Thematik ergänzen?
9.) Welches Lehrbuch oder Textbuch benutzen Sie? Geben Sie den Grund dafür an.
10.) Erhalten Sie genügend Unterstützung von Seiten des Ministeriums und der Vereinigung der Ungarischen Philosophielehrer?
11. ) Sollte dies nicht der Fall sein, hätten Sie Ihrer Meinung nach Anspruch darauf ?
12.) Haben Sie weitere Vorschläge, Bemerkungen, Wünsche und Kritik?